Standort halten oder verlagern? Dr. Harald Schönfeld über Interim Management in Zeiten globaler Unsicherheit

Der United Interim Wirtschaftsreport 2026 zeichnet ein klares Bild: Deutsche Produktion wandert ab. Maschinen- und Anlagenbau, Automotive, Chemie und Elektrotechnik stehen unter massivem Druck. Dr. Harald Schönfeld, Geschäftsführer der UNITEDINTERIM GmbH, erklärt im Interview, welche Rolle Interim Manager in Transformationsphasen spielen, wann eine Verlagerung wirklich sinnvoll ist und warum unternehmerische Stärke gerade jetzt gefragt ist.

Welche Branchen sind besonders betroffen, und was treibt die Abwanderung?

Der United Interim Wirtschaftsreport 2026 zeigt eine deutliche Abwanderung deutscher Produktion nach Osteuropa und Asien. Welche Branchen sind aus Ihrer Sicht besonders stark betroffen, und was sind die Haupttreiber dieser Entwicklung?

Dr. Harald Schönfeld: Besonders betroffen sind der Maschinen- und Anlagenbau, die Zulieferindustrie, Automotive, Chemie sowie Elektrotechnik und Elektronik. Das sind genau die Branchen, auf denen die industrielle Stärke Deutschlands beruht. Viele Unternehmen prüfen derzeit Verlagerungen nach Polen, Rumänien, Ungarn oder Tschechien, andere zieht es nach China, Indien oder Vietnam.

Der Druck kommt aus mehreren Richtungen zugleich: hohe Lohn- und Energiekosten, immer mehr Regulierung, langsame Genehmigungen und ein geopolitisches Umfeld, das auf Dauer schwer kalkulierbar geworden ist. Hinzu kommt, dass viele Zielregionen heute nicht nur günstiger, sondern industriell sehr viel leistungsfähiger sind als noch vor einigen Jahren. Es geht deshalb längst nicht mehr nur um billigere Produktion, sondern um Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Marktnähe.

Was leisten Interim Manager konkret bei Verlagerungen?

Interim Manager werden häufig in Transformationsphasen eingesetzt. Welche Rolle spielen sie konkret, wenn Unternehmen Produktionsstandorte ins Ausland verlagern oder umstrukturieren?

Dr. Harald Schönfeld: Interim Manager sind in solchen Situationen keine Berater am Spielfeldrand, sondern konzentrieren sich auf die Umsetzung vor Ort. Sie sorgen dafür, dass aus einer strategischen Idee ein operativ tragfähiges Projekt wird: von der Prozessarchitektur über die Lieferkette bis hin zur Organisation am neuen Standort.

Gerade bei Verlagerungen müssen Abläufe neu gedacht, Verantwortlichkeiten sauber geregelt und Risiken früh entschärft werden. Hinzu kommt die kommunikative Dimension: Belegschaft, Betriebsrat, Kunden, Banken und politische Akteure wollen geführt, nicht nur informiert werden. Genau in dieser Verbindung aus Umsetzungskraft, Erfahrung und Nervenstärke liegt der besondere Wert eines guten Interim Managers.

Kann Interim Management eine Verlagerung verhindern?

Gibt es aus Ihrer Beratungspraxis Beispiele, wo eine drohende Verlagerung durch gezieltes Interim Management abgewendet oder zumindest verlangsamt werden konnte?

Dr. Harald Schönfeld: Ja, solche Fälle gibt es durchaus. Oft entsteht in Unternehmen der Eindruck, eine Verlagerung sei alternativlos, obwohl zuvor die eigenen Effizienzreserven gar nicht konsequent geprüft wurden. Wenn Prozesse bereinigt, Automatisierung und der Einsatz von KI intelligent genutzt, interne Bürokratie reduziert und der Vertrieb mit besserem Kundenfokus geschärft werden, verändert sich die wirtschaftliche Rechnung häufig spürbar.

Dann zeigt sich, dass der Standort Deutschland in bestimmten Konstellationen deutlich tragfähiger ist, als zunächst angenommen wurde. Und wo eine Verlagerung tatsächlich sinnvoll bleibt, lässt sie sich mit professioneller Unterstützung oft präzisieren und sauber durchführen.

Welche Kriterien zählen wirklich bei der Standortentscheidung?

Viele mittelständische Unternehmen stehen vor der Frage: Standort halten oder verlagern. Welche Kriterien sollten Entscheider dabei wirklich in den Mittelpunkt stellen?

Dr. Harald Schönfeld: Entscheider sollten diese Frage nicht auf den reinen Kostenvergleich reduzieren. Natürlich spielen Löhne, Energiepreise, Steuern und Regulierung eine große Rolle. Aber genauso wichtig sind Produktivität, Kundennähe, Lieferkettenstabilität, Fachkräfteverfügbarkeit und Innovationsfähigkeit.

Wer vor allem auf den vermeintlich günstigeren Standort schaut, unterschätzt oft die Folgekosten von Komplexität, Know-how-Verlust und neuen Abhängigkeiten. Gerade im Mittelstand ist deshalb die zentrale Frage: Wo lässt sich dauerhaft die bessere Wettbewerbsposition aufbauen? Erst wenn diese Frage sauber beantwortet ist, sollte über eine Verlagerung entschieden werden.

Wie verändert sich die Nachfrage nach Interim-Führungskräften?

UNITEDINTERIM ist seit 2017 etabliert und gilt als Platzhirsch im deutschsprachigen Interim-Management-Markt. Wie hat sich die Nachfrage nach Interim-Führungskräften in wirtschaftlich unsicheren Zeiten verändert?

Dr. Harald Schönfeld: In wirtschaftlich unsicheren Zeiten steigt die Nachfrage nach Interim Managern, allerdings mit deutlich schärferem Anforderungsprofil. Unternehmen suchen heute weniger den Allrounder als den Spezialisten, der eine vergleichbare Aufgabenstellung bereits mehrfach unter realem Druck erfolgreich umgesetzt hat. Unsere Kunden fragen daher gezielt nach der Wirkung, die Interim Manager dann auch mit Zahlen, Daten und Fakten belegen müssen.

Gleichzeitig wollen viele Firmen schnell handlungsfähig werden, ohne sich langfristig personell festzulegen. Genau deshalb gewinnen erfahrene Führungskräfte auf Zeit in volatilen Phasen an Bedeutung. Der Markt ist insgesamt professioneller, fokussierter und anspruchsvoller geworden.

Welche Empfehlung geben Sie Unternehmern am Scheideweg?

Welche Empfehlung geben Sie deutschen Unternehmern, die angesichts steigender Kosten und geopolitischer Unsicherheiten gerade an einem Scheideweg stehen?

Dr. Harald Schönfeld: Meine Empfehlung ist, jetzt weder in Alarmismus noch in Lähmung zu verfallen. Wer nur spart, verliert am Ende oft genau die Zukunftsfähigkeit, die er eigentlich sichern wollte. Erfolgreich sind die Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell, ihre Prozesse, ihre Kundenorientierung und ihre Lieferketten mit klarem Blick überprüfen und daraus handfeste Konsequenzen ziehen.

Nicht jede Produktion muss in Deutschland bleiben. Aber jede Verlagerung sollte das Ergebnis einer durchdachten Strategie sein und nicht einer Mischung aus verständlichem Frust und Aktionismus. Unternehmerische Stärke zeigt sich gerade jetzt darin, unter Druck klarer zu denken und konsequenter zu handeln als der Wettbewerb.


Dr. Harald Schönfeld ist Geschäftsführer der UNITEDINTERIM GmbH mit Sitz in Schwerzenbach (Schweiz). Das Unternehmen vermittelt seit 2017 erfahrene Interim Manager im deutschsprachigen Raum und gilt als einer der führenden Anbieter in diesem Segment. Weitere Informationen unter www.unitedinterim.com.


Das Interview führte Jörg Maire