Rohstoffe, Wald und Kapital: Ulrich Winter über die strategische Ressourcenwende im Mittelstand

Der Forstexperte und Unternehmensberater Ulrich Winter erklärt, warum biogener Kohlenstoff zur wichtigsten Asset-Klasse Europas wird – und was Mittelständler heute tun müssen, um 2030 noch wettbewerbsfähig zu sein.

Die Menschheit hat zwischen 2016 und 2021 rund 75 Prozent der Rohstoffe verbraucht, die im gesamten 20. Jahrhundert genutzt wurden. Eine Zahl, die erschreckt – und die für Unternehmen eine klare strategische Botschaft enthält. Ulrich Winter kennt diese Zusammenhänge seit mehr als vier Jahrzehnten. Der Certified Business Administrator arbeitet seit den 1980er Jahren an der Schnittstelle von Forst, Rohstoffen und Strategie, hat europäische Holz- und Biomassewertschöpfungsketten aufgebaut und berät heute Unternehmen, Family Offices und institutionelle Investoren beim Aufbau zukunftsfähiger Rohstoffstrategien. Im Gespräch mit Jörg Maire erklärt er, warum Holz längst ein Hightech-Material ist, was Wald mit institutionellem Kapital zu tun hat – und welche Entscheidungen Mittelständler jetzt treffen müssen.

Von der Einkaufsabteilung in den Vorstand: Rohstoffe als strategische Führungsaufgabe

Jörg Maire: Herr Winter, Sie arbeiten seit über vier Jahrzehnten an der Schnittstelle von Forst, Rohstoffen und Strategie. Was hat sich in dieser Zeit fundamental verändert – und was ist erschreckend gleich geblieben?

Ulrich Winter: Fundamental verändert hat sich die strategische Bedeutung von Rohstoffen. Früher standen Versorgung, Preis und Verfügbarkeit im Vordergrund. Heute geht es zusätzlich um geopolitische Abhängigkeiten, CO₂-Bilanzen, Lieferkettensicherheit, regulatorische Anforderungen, Energiepreise, Digitalisierung, Investitionsfähigkeit und industrielle Souveränität. Rohstoffe sind damit vom Einkaufsthema zum Vorstandsthema geworden.

Gleich geblieben ist, dass Wald, Holz und biogene Rohstoffe in vielen Diskussionen weiterhin unter ihrem tatsächlichen strategischen Wert behandelt werden. Der Wald wird oft als Fläche, Kostenstelle oder Ausgleichsraum betrachtet – während sein Potenzial als natürliche Produktions-, Speicher-, Wasser-, Klima- und Rohstoffinfrastruktur wesentlich größer ist. Genau hier liegt die eigentliche Zukunftsaufgabe: Wald, Industrie, Kapital und Technologie werden zu einem gemeinsamen Wertschöpfungssystem verbunden.

Biogener Kohlenstoff als Wettbewerbsvorteil: Was Industriebetriebe heute entscheiden müssen

Jörg Maire: Sie sprechen von einer europäischen Wertschöpfungskette aus biogenem Kohlenstoff. Was bedeutet das konkret für einen Industriebetrieb, der heute Entscheidungen über seine Rohstoffstrategie trifft?

Ulrich Winter: Für einen Industriebetrieb bedeutet das zuerst Transparenz über alle Stoffströme: Holz, Biomasse, Reststoffe, Nebenprodukte, Fasern, Lignin, Cellulose, Prozesswärme, Energie und Kohlenstoffbindungen. Jeder dieser Ströme besitzt künftig einen technischen, ökologischen und wirtschaftlichen Wert.

Die Rohstoffstrategie der Zukunft fragt daher: Welche Materialien lassen sich regional sichern? Welche Nebenströme werden höherwertig genutzt? Welche fossilen oder importabhängigen Rohstoffe werden durch biogene Alternativen ersetzt? Welche Partnerschaften sichern Zugang zu Biomasse, Recyclingströmen, Daten, Energie und Zertifizierung?

Europäische Wertschöpfung aus biogenem Kohlenstoff bedeutet: Rohstoffe wachsen in Regionen, werden regional veredelt, industriell verarbeitet, digital dokumentiert und in mehreren Nutzungspfaden geführt. Das stärkt Versorgungssicherheit, senkt Abhängigkeiten, schafft neue Produkte und hält Wertschöpfung in Europa.

Holz als Hightech-Material: Die ungenutzten Potenziale in Nebenströmen und Kaskaden

Jörg Maire: Holz als Hightech-Material – Batteriekomponenten, Baustoffe, Cellulose-Funktionsrohstoffe. Wo liegen die größten ungenutzten Potenziale, die die Industrie noch nicht auf dem Radar hat?

Ulrich Winter: Das größte Potenzial liegt in der molekularen Betrachtung von Holz. Holz ist weit mehr als Brett, Balken, Platte oder Energieholz. Holz ist ein hochkomplexer biogener Rohstoff aus Cellulose, Hemicellulose, Lignin, mineralischen Bestandteilen, Kohlenstoffstrukturen und funktionellen Gruppen.

Daraus entstehen mehrere Zukunftspfade: faserbasierte Baustoffe für klimapositive Gebäude, Cellulose-Funktionsrohstoffe für Pharma, Lebensmittel, Verpackung und Bauchemie, kohlenstoffbasierte Anodenmaterialien für Batteriespeicher, technische Kohlenstoffprodukte für industrielle Anwendungen sowie biogene Matrizen zur Bindung und Konzentration kritischer Technologiemetalle und Seltener Erden.

Die Industrie unterschätzt besonders die Nebenströme. Sägewerksreste, Rinde, Fasern, Feinfraktionen, Prozessrückstände, Aschen, Schlämme und organische Rückströme werden vielfach thermisch oder niedrigwertig genutzt. In einer Demokrit-Kaskade werden genau diese Ströme zu Ausgangspunkten für neue Material-, Energie- und Rohstoffwertschöpfung.

Wald als Asset-Klasse: Warum Family Offices und institutionelle Investoren jetzt umdenken

Jörg Maire: Institutionelle Investoren, Family Offices, Fondsboutiquen – Sie adressieren bewusst diese Zielgruppe. Warum ist Wald und biogener Kohlenstoff gerade jetzt als Asset-Klasse interessant?

Ulrich Winter: Wald und biogener Kohlenstoff verbinden mehrere Eigenschaften, die für langfristige Investoren sehr attraktiv sind: reale Substanz, Flächenbezug, natürliche Produktivität, Inflationsschutz, Klimawirkung, Rohstoffsicherheit, Materialwertschöpfung und generationenübergreifende Perspektive.

Für institutionelle Investoren entsteht zusätzlich eine neue Qualität: Wald ist heute zugleich Naturkapital, Rohstoffquelle, CO₂-Senke, Biodiversitätsraum, Wasserinfrastruktur, Energiebaustein und Ausgangspunkt für biobasierte Industrien. Damit wächst aus klassischem Forstvermögen eine strategische Asset-Klasse mit mehreren Ertragsebenen.

Family Offices denken häufig in Generationen. Genau deshalb passt Wald in diese Logik. Der Wert entsteht über Jahrzehnte, durch Substanz, Pflege, Transparenz, regionale Partnerschaften, kontrollierte Nutzung und neue Erlösmodelle aus biogenem Kohlenstoff, Baustoffen, Zertifikaten, Materialien und technologischer Weiterverarbeitung.

75 Prozent der Rohstoffe des 20. Jahrhunderts in fünf Jahren: Was das für 2030 bedeutet

Jörg Maire: Die Menschheit verbrauchte zwischen 2016 und 2021 rund 75 Prozent der Rohstoffe des gesamten 20. Jahrhunderts. Was folgt daraus für Unternehmen, die 2030 noch wettbewerbsfähig sein wollen?

Ulrich Winter: Diese Größenordnung zeigt, dass das Zeitalter scheinbar unbegrenzter Rohstoffverfügbarkeit zu Ende geht. Unternehmen, die 2030 wettbewerbsfähig sein wollen, brauchen eine klare Rohstoffstrategie, eine belastbare Kreislauflogik und einen sehr genauen Blick auf Abhängigkeiten.

Wettbewerbsfähigkeit entsteht künftig durch Materialeffizienz, langfristige Lieferbeziehungen, Recyclingfähigkeit, Substitution kritischer Rohstoffe, regionale Wertschöpfung, digitale Transparenz, Energieintegration und die Fähigkeit, Nebenströme wirtschaftlich zu nutzen. Wer Rohstoffe nur einkauft, bleibt abhängig. Wer Rohstoffe versteht, führt, dokumentiert, ersetzt und mehrfach nutzt, gewinnt strategische Beweglichkeit.

Die zentrale Managementfrage lautet daher: Welche Stoffströme sichern die eigene Produktion, welche Rohstoffe werden kritisch, welche Alternativen entstehen aus biogenen, recycelten oder regionalen Quellen – und welche Investitionen sichern die Versorgung über 2030 hinaus?

Europäisches Waldmanagement als Infrastrukturaufgabe – mehr als klassische Forstwirtschaft

Jörg Maire: Sie haben ein Europäisches Waldmanagement-Konzept entwickelt. Was ist der Kerngedanke – und warum ist das mehr als klassische Forstwirtschaft?

Ulrich Winter: Der Kerngedanke lautet: Waldmanagement wird zu einer europäischen Infrastrukturaufgabe. Wald ist Klimaregulator, Wasserspeicher, Biodiversitätsraum, Rohstoffbasis, Kohlenstoffsenke, Erholungsraum, Wirtschaftsraum und Zukunftskapital zugleich.

Klassische Forstwirtschaft konzentriert sich stark auf Bestände, Pflege, Einschlag, Sortimente und Holzerlöse. Das Europäische Waldmanagement-Konzept führt diese Ebene weiter und verbindet sie mit industrieller Wertschöpfung, CO₂-Bilanzierung, Materialkaskaden, regionaler Verarbeitung, Finanzierung, digitaler Erfassung, Biodiversitätszielen, Wassermanagement, Risikovorsorge und Rohstoffsouveränität.

Damit entsteht ein erweitertes Steuerungsmodell: Jeder Hektar Wald wird in seiner ökologischen, industriellen, sozialen und finanziellen Wirkung betrachtet. Der Wald liefert Holz, stabilisiert Wasserhaushalte, bindet Kohlenstoff, stärkt Regionen, ermöglicht neue Materialien und bildet die natürliche Grundlage für eine europäische Bioökonomie.

Vision 2040: Ein rohstoffunabhängiges, CO₂-negatives Europa – und die Rolle des Waldes

Jörg Maire: Was ist Ihre persönliche Vision: Wie sieht ein rohstoffunabhängiges, CO₂-negatives Europa im Jahr 2040 aus – und welche Rolle spielt der Wald dabei?

Ulrich Winter: Meine Vision für 2040 ist ein Europa, das seine Rohstoff-, Energie- und Klimafrage wieder stärker aus eigener Kraft beantwortet. Städte bauen mit Holz und biobasierten Materialien. Industriebetriebe nutzen Nebenströme mehrfach. Regionen erzeugen Energie, Materialien und Kohlenstoffsenken aus eigenen Stoffkreisläufen. Kritische Rohstoffe werden durch Recycling, Substitution, biogene Kaskaden und neue Technologien deutlich resilienter verfügbar.

Der Wald spielt dabei eine zentrale Rolle. Er ist Ursprung natürlicher Kohlenstoffbindung, Grundlage nachhaltiger Rohstoffversorgung, Schutzraum für Wasser und Biodiversität sowie Ausgangspunkt neuer industrieller Wertschöpfung. Entscheidend ist eine Bewirtschaftung, die ökologische Stabilität und industrielle Nutzung klug verbindet.

Ein CO₂-negatives Europa entsteht durch viele parallele Schritte: klimapositive Gebäude, dauerhafte Kohlenstoffbindung, Biochar, biogene Materialien, industrielle Kreisläufe, regionale Verarbeitung, digitale Messbarkeit, erneuerbare Energie und Investitionen in echte Natur- und Waldverbesserung. Für mich geht es dabei um Verantwortung gegenüber unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Europa kann zeigen, dass Wohlstand, Industrie, Wald, Klima und soziale Stabilität gemeinsam funktionieren. Dann können wir mit gutem Gewissen sagen: Wir haben alles getan, um eine intakte und lebenswerte Welt zu hinterlassen.


Ulrich Winter ist Certified Business Administrator (IHK) und Gründer von Always a Step Ahead. Er berät Unternehmen, Investoren und institutionelle Anleger zu Rohstoffstrategie, biogenem Kohlenstoff und europäischem Waldmanagement. Kontakt: winter.u@gmx.de